Handicap.., so what?

Wir bemühen uns, unsere Kajakkurse ganz im Sinne der Inklusion allen Menschen zugänglich zu machen. Durch Trainertätigkeiten für den Behindertensportverband, sowie unseren inklusiven Verein River Pirates, welcher schon sehr erfolgreiche Sportler im Paracanoe hervorgebracht hat, ist es uns wichtig euch den Wildwassersport und auch Natur- Erfahrungen näher zu bringen. Bei diesem Projekt arbeiten wir Hand in Hand mit dem 1. Inklusiven Kanuzentrum in Augsburg. Dazu ein kleiner, leider nicht mehr ganz so aktueller Flim über unsere gemeinsamen Aktivitäten:

Inklusives Kanuzentrum Augsburg Stand 15.05.12 from Kajakschule Prijon on Vimeo.


Einer unserer erfolgreichen Sportler und Deutscher Meister im Paracanoe. Stefan Deuschel, berichtet über solch eine Erfahrung.
Für Nachfragen stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.

Handicap na und? Mit dem Rollstuhl an die Soca
Trotz Handicap mit dem Kajak das Wildwasser erfahren
Erfahrungsbericht von Stefan Deuschl

Als Behindertensportler (Monoski, Kanu-Rennsport, Langlaufen und Handbiken) bin ich ja schon einiges gewohnt. Aber als mich, an einem Augustabend, Bruno anrief und mir seinen Vorschlag unterbreitete, vom 10.09. – 13.09.2012 an einem Kajak-Kurs für Menschen mit Handicap an der Soca teilzunehmen, war ich Feuer und Flamme, sagte sofort zu. Er erzählte, dass es sich um einen Kurs mit insgesamt drei Rollstuhlfahrern und eine „Fußgängerin“ handeln wird.
Schon die Anreise durch den Tauern- Tunnel und über den Passo di Pre- dil nach Bovec war die Zusage wert. Nach einem gemeinsamen Abendessen in Bovec verabredeten wir uns für den nächsten Tag am Prijon- Sport- Center in Cezsoca.

1. Tag
Nach einer kurzen Begrüßung durch unsere Ausbilder (Annika, Sabrina, Bruno, Serkan Team der Prijon Kajakschule Augsburg) sowie dem Empfang und der Anprobe unserer Leihausrüstung ging es recht schnell ans Anpassen (fitting genannt) Kajaks. Gerade bei Menschen mit Handicap ist das, wie sich schnell herausstellte, nicht so einfach. Muss doch zum einen die Fixierung im Kajak berücksichtigt werden und zum anderen darf man die Sicherheit nicht außer acht lassen. Also mussten hier Halt, Übertragung der Restfunktionen und das sichere Verlassen des Kajaks unter einen Hut gebracht werden. Die bereits gewonnenen Erfahrungen der bisherigen Entwicklung im Bau von Sitzschalen taten hier gute Dienste, erstmalig wurde auch auf Schalen aus dem Monoskibereich zurückgegriffen.
Für meine Behinderung (Doppeloberschenkelamputation) wurden Ratschengurte und Ratschen von Snowboardbindungen zur Fixierung meiner Oberschenkelstümpfe verbaut. Diese wurden mit Maschinenschrauben und selbst sichernden Muttern mit dem Kajaksitz verschraubt. In Verbindung mit der original Rückenlehne hatte ich einen festen Halt gegen verrutschen. Das Übertragen meiner Rumpfbewegungen ans Boot, sowie das sichere Aussteigen, wurde mit dieser Befestigungstechnik ebenso erreicht.
Nachdem unsere Kajaks endlich Einsatzbereit waren, fuhren wir zur ersten Wassereinheit an den Lago di Predil. Bereits hier zeigte sich, dass dieser Lehrgang für unsere Ausbilder ein Knochenjob werden wird. Über Stock und Stein wurden wir Rollstuhlfahrer, bereits im Kajak sitzend, ans Wasser gezogen. Unter der fachkundigen Anleitung erlernten wir die Grundtechniken des Kajakfahrens. Mit ruhiger und sachlicher Art wurde uns die Angst vorm Kentern genommen und das Vertrauen auf unser Material gefestigt. Nach diesem für uns alle schweißtreibenden ersten Tag waren wir Lehrgangsteilnehmer heiß auf Kajak fahren im bewegtem Wasser.

Handicap na und?2. Tag, von Kamno nach Volarje
Paddeln im WW I/II, so zumindest im Plan beschrieben, was kommt da auf uns zu?!? So oder so ähnlich, dachte jeder von uns am zweiten Tag. Alle waren wir gespannt auf die Aufgaben, die vor uns lagen. Wieder begann das Abenteuer für unser Ausbilderteam mit körperlicher Anstrengung bis sie mit uns Rollstuhlfahrern am Einstieg ankamen. Am Flussufer erhielten wir noch eine theoretische Unterweisung. Trotz geringer Strömung konnten Gerda und ich auch mal das Kentern und unter Wasser üben. Dass ich in der Lage war, das schnell zu meistern, gab mir noch mehr Sicherheit und ließ das Verlangen nach mehr steigen. Doch auch für unsere Ausbilder war das eine Herausforderung. Eine sichere Einstiegs- stelle suchen, dass Paddel und Kajak bergen sowie uns ans Ufer bringen. Das Wasser aus dem Kajak lassen und beim wieder Einsteigen unterstützen. Hier wurde mir wieder ein- mal bewusst, dass dies ohne die tolle Unterstützung durch dieses Team nicht möglich wäre. Aber auch wir mit Handicap müssen uns auf vieles Einlassen. Wir brauchen 100 % Vertrauen, wir müssen zulassen, dass wir getragen, gezogen oder geschoben werden. Das fällt uns insbesondere mir, weil ich sehr auf die Selbstständigkeit achte, anfangs sehr schwer.

3. Tag, von Cezsoca nach Srpenica 1
Der längste ride stand uns bevor. Durch den strömenden Regen und der aufziehenden Kälte wurde über die Länge der Stecke diskutiert. Allerdings aufs Wasser wollten wir alle. Um eine mögliche Auskühlung zu vermeiden wurde kurzerhand eine zusätzliche Ausstiegsstelle für Gerda, in Boka, eingerichtet. Trotz schlechtem Wetter, war die Schönheit der Landschaft überwältigend. Das Zusammenspiel von sportlicher Aktivität und unverfälschtem Naturerlebnis hat mich emotional sehr bewegt. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Rollstuhlfahrer so etwas einmaliges erleben würde. Der Virus „Kajakfahren“ hatte mich infiziert und ich wurde immer mutiger. Jedes Kehrwasser musste ich mitnehmen, jeder überspülte Stein wurde von mir genommen und mehrere Seilfähren habe ich mehr oder weniger überstanden. Da blieb das ein oder andere Kentern nicht aus. Egal, ich war eh schon nass. Je länger die Fahrt dauerte, umso glücklicher wurde ich. Freudestrahlend fuhr ich bis zum Ausstieg.

Handicap na und? 4. Tag, von Srpenica 1 nach Srpenica 2
Durch den anhaltenden Regen über Nacht war der Wasserstand der Soca sehr angestiegen. Bei nachlassendem Regen, aber stark aufkommendem Wind, stand heute ein river- run im Topoduo an. Im Zweier? Kann dass, das Erlebte der Tage zuvor toppen? Oh ja, das konnte es! Erst mussten auch die Topoduos für unsere Bedürfnisse umgebaut wer-den. Annika, die mit Gerda in einem Boot saß, hatte mir als Guide Serkan zugeteilt. Wir zwei waren sofort auf einer Wellenlänge. Bruno begleitete uns in seinem Canadier als safety während Sabrina den Fahrdienst übernahm. Wildwasser II/III lag vor uns und Serkan wollte mir zeigen was das bedeutet. Je höher die Welle war, die sich über mir brach, um so mehr Spaß hatten wir beide. Ich war beeindruckt von der Wucht und Kraft des Wassers. Gleichzeitig war ich auch davon fasziniert wie gekonnt Serkan unser Kajak durch das Wildwasser steuerte. Wie sagte er doch zu mir „you are the machine I`m the capitain“. Leider konnte ich nicht lange seine „machine“ sein. Vor dem Eingangskaterakt der Friedhofstrecke mussten wir mit unseren Kajaks am Ufer anlegen. Nach besichtigung den vor uns liegenden Ab- schnitt und kamen gemeinsam zum Entschluss, dass diese Stelle, aufgrund des gestiegenen Wasserstands, den Unterspülungen und der Tatsache das der Topo nun schwerer zu führen war als normalerweise, für uns zu gefährlich wäre. Schade, aber die Sicherheit geht vor.
Nachdem am gleichen Tag noch die Ausrüstung zurückgegeben wurde, ging eine erlebnisreiche und spannende Woche, an die ich mich noch sehr lange erinnern werde, zu Ende. Recht herzlich möchte ich mich bei der Firma Prijon, bei Igor und seinem Team vom Prijon- Sport- Center für die Unterstützung bedanken. Mein größter Dank gilt aber den Team der Prijon Kajakschule Augsburg. Ohne Euren unermüdlichen Einsatz wäre diese tolle Woche nicht möglich gewesen. So jetzt habt Ihr mich an der Backe. Der Virus „Wildwasserkajak“ ist ausgebrochen und ich K O M M E W I E D E R, dann mit meiner Familie.